Last updated on 20. August 2026
Honda macht ernst: Warum das neue Rally2-Team mehr als ein Nachwuchsprojekt ist
Während sich bei der Rally-Raid-Weltmeisterschaft die meiste Aufmerksamkeit auf die RallyGP-Stars von KTM und Honda richtet, baut HRC eine Etage tiefer gerade etwas auf, das für die Zukunft des Sports mindestens genauso interessant sein könnte: ein eigenes Rally2-Werksteam.
Mit dem Monster Energy Honda HRC Rally2 Team hat Honda für die Saison 2026 erstmals eine eigene Struktur für die zweithöchste Motorradklasse der Rally-Raid-Weltmeisterschaft geschaffen. Und die ersten Ergebnisse zeigen: Das ist offenbar weit mehr als ein Nachwuchsprojekt fürs Marketing.
Honda baut eine eigene Nachwuchsleiter
Bisher bestand Hondas Rally-Raid-Programm vor allem aus einem hochkarätig besetzten RallyGP-Team. Fahrer wie Ricky Brabec, Tosha Schareina, Adrien Van Beveren kämpfen auf der CRF450 Rally um Dakar-Siege und den W2RC-Titel.
Darunter fehlte jedoch eine eigene Entwicklungsstufe. Genau diese Lücke schließt Honda jetzt mit Rally2.
Zum ursprünglichen Aufgebot gehören der Portugiese Martim Ventura und der US-Amerikaner Preston Campbell. Honda formulierte das Ziel bei der Vorstellung des Teams ziemlich eindeutig: Junge Fahrer sollen entwickelt und gleichzeitig die langfristige Zukunft des eigenen Rally-Raid-Programms gestärkt werden.
Später kam mit dem brasilianischen Enduro-Spezialisten Bruno Crivilin ein weiterer interessanter Fahrer hinzu. Damit hat Honda drei Talente im eigenen System, die sich unter realen Rally-Raid-Bedingungen entwickeln können.
Die Ergebnisse kommen schneller als erwartet
Dass Honda das Projekt sportlich ernst nimmt, zeigte spätestens die Desafío Ruta 40 2026 in Argentinien.
Martim Ventura gewann dort die Rally2-Wertung. Teamkollege Bruno Crivilin wurde Zweiter, Preston Campbell Vierter.
Auf einer der Etappen gelang Honda sogar ein kompletter Rally2-Sweep: Die drei HRC-Fahrer belegten gemeinsam die ersten drei Plätze.
Das ist bemerkenswert für ein Programm, das sich noch in seiner ersten Saison befindet.
Honda entwickelt also nicht nur Fahrer. Das Unternehmen sammelt gleichzeitig Daten über Motorrad, Navigation, Setup und die Anforderungen an Nachwuchsfahrer unter echten W2RC-Bedingungen.
Das Motorrad ist fast genauso interessant wie die Fahrer
Gefahren wird nicht mit der RallyGP-Werksmaschine von Brabec oder Schareina, sondern mit der Honda CRF450RX Rally.

Und genau hier wird das Projekt auch für ambitionierte Privatfahrer interessant.
Die CRF450RX Rally basiert wesentlich stärker auf einem Serien-Offroad-Motorrad als die hochspezialisierte CRF450 Rally des RallyGP-Teams. Honda nennt unter anderem einen Rahmen auf Basis der CRF450R sowie rund 36 Liter Kraftstoffkapazität.
- CRF450 Rally: kompromissloses RallyGP-Werksmotorrad
- CRF450RX Rally: Rally2- und Entwicklungsplattform
Die spannende Frage ist nun, was Honda langfristig mit dieser Maschine vorhat.
Bleibt sie ausschließlich ein HRC-Nachwuchsmotorrad? Oder entsteht daraus irgendwann eine Plattform, die auch für Kundenteams und Privatfahrer verfügbar wird?
Gerade der zweite Weg wäre für die Rally2-Szene hochinteressant.
Rally2 wird strategisch immer wichtiger
Rally2 wird gerne als „zweite Liga“ unter RallyGP betrachtet. Tatsächlich entwickelt sich die Klasse aber zunehmend zum wichtigsten Sprungbrett in den professionellen Rally-Raid-Sport.
Michael Docherty ist ein gutes Beispiel dafür. Nach starken Rally2-Leistungen mit BAS World KTM wechselte er 2026 zu Hero MotoSports ins Werksprogramm.
Auch Tobias Ebster hat einen ähnlichen Weg genommen: vom erfolgreichen Privatfahrer über Rally2 und Hero bis zum neuen ZXMOTO-Werksprojekt.
Für Hersteller entsteht dadurch ein Problem: Wer erst dann nach Talenten sucht, wenn sie Rally2 dominieren, konkurriert mit allen anderen Werksteams um dieselben Fahrer.
Honda löst dieses Problem nun anders: HRC versucht, die Talente selbst zu entwickeln.
Ventura, Campbell oder Crivilin – wer schafft den Sprung?
Damit beginnt innerhalb des neuen Teams bereits eine interessante Geschichte.
Martim Ventura hat mit seinem Sieg in Argentinien gezeigt, dass er Rally2-Rennen auf W2RC-Niveau gewinnen kann.
Preston Campbell bringt eine bemerkenswerte Offroad-Familiengeschichte mit. Sein Vater Johnny Campbell gehört zu den bekanntesten amerikanischen Offroad-Rennfahrern und ist eng mit Hondas Motorsportgeschichte verbunden.
Bruno Crivilin wiederum kommt aus dem Endurosport und bringt einen anderen fahrerischen Hintergrund in das Programm.
Drei Fahrer. Drei unterschiedliche Wege in den Rally-Raid-Sport. Und möglicherweise kämpfen alle drei langfristig um dasselbe Ziel:
Einen Platz im Honda-RallyGP-Team.
Genau deshalb dürfte interessant werden, wer als Erster Testkilometer auf der großen CRF450 Rally bekommt.
Honda kopiert nicht einfach KTM
Auf den ersten Blick erinnert die Strategie an das System, mit dem KTM seit Jahren Fahrer entwickelt. Der Unterschied liegt jedoch in der Struktur.
KTM verfügt über ein großes Netzwerk aus Kundenteams und Rally2-Strukturen. Teams wie BAS World KTM haben immer wieder Fahrer hervorgebracht, die später für Werksteams interessant wurden.
Honda holt diese Entwicklungsstufe nun stärker ins eigene Haus.
Das bedeutet mehr Kontrolle über Fahrerentwicklung, Motorrad, Daten und Trainingsmethoden.
Und möglicherweise entsteht damit ein direkter Wettbewerb um die besten jungen Rally-Raid-Fahrer:
KTM-Kundensport gegen Honda-Werksnachwuchs.
Für Rally2 könnte das eine ausgesprochen interessante Entwicklung werden.
Was bedeutet das für Amateurfahrer?
Auf den ersten Blick wenig. Ein HRC-Rally2-Team ist schließlich immer noch weit entfernt von einem Fahrer, der gerade seine erste Roadbook-Rallye plant.
Langfristig könnte das Projekt trotzdem Auswirkungen haben. Denn Rally-Raid braucht eine nachvollziehbare Karriereleiter.
Roadbook-Training → Amateur-Rallye → größere internationale Rallye → Rally2 → Werksteam → RallyGP.
Je stärker Rally2 wird, desto interessanter wird diese Leiter auch für ambitionierte Privatfahrer.
Besonders spannend wäre deshalb, wenn Honda seine CRF450RX Rally irgendwann nicht ausschließlich für das eigene Werksteam einsetzen würde, sondern Kundenteams Zugang zu einer vergleichbaren Plattform bekämen.
Das wäre ein echter Angriff auf die derzeit stark KTM-geprägte Rally2-Welt. Noch ist das allerdings Zukunftsmusik.
Die eigentliche Geschichte beginnt gerade erst
Die Ergebnisse der ersten Saison sind beeindruckend. Aber die wichtigere Frage ist nicht, wie viele Rally2-Etappen Honda 2026 gewinnt.
Die entscheidende Frage lautet:
Was passiert mit den Fahrern danach?
Wenn Ventura, Campbell oder Crivilin innerhalb der nächsten Jahre tatsächlich den Sprung ins RallyGP-Werksteam schaffen, wäre bewiesen, dass Honda eine funktionierende eigene Nachwuchspipeline aufgebaut hat.
Und wenn aus der CRF450RX Rally zusätzlich irgendwann ein echtes Kundenmotorrad oder eine Plattform für weitere Rally2-Teams entsteht, könnte das Projekt noch wesentlich größere Auswirkungen haben.
Deshalb lohnt es sich, Honda Rally2 genau zu beobachten.
Denn während vorne Brabec, Schareina, Sanders und Benavides um Sekunden kämpfen, könnte eine Klasse dahinter gerade die nächste Generation der Rally-Raid-Stars entstehen.
Make It Rally Watchlist
- Martim Ventura: Kann er seine Rally2-Siege bestätigen?
- Preston Campbell: Wie schnell entwickelt er sich im internationalen Rally-Raid?
- Bruno Crivilin: Bleibt er dauerhaft Teil des HRC-Rally2-Projekts?
- CRF450RX Rally: Bleibt sie reine Werksmaschine oder öffnet Honda die Plattform?
- RallyGP-Test: Wer darf als Erster auf die Honda CRF450 Rally?
Quellen: Honda Racing Corporation / Monster Energy Honda HRC, World Rally-Raid Championship (W2RC), offizielle Ergebnisse der Desafío Ruta 40 2026.

