Mit der Dakar 2027 soll eine der prägendsten Motorradkarrieren der jüngeren Rally-Raid-Geschichte enden. Ricky Brabec hat angekündigt, dass seine nächste Dakar zugleich sein letztes Rennen auf dem Motorrad sein soll. Der Amerikaner geht damit nicht leise: Nach der dramatischen Niederlage von 2026 richtet er noch einmal alles auf den größten Erfolg aus – einen dritten Dakar-Sieg für Honda. Für Monster Energy Honda HRC beginnt damit zugleich ein strategischer Umbau, denn nach dem bereits vollzogenen Abschied von Skyler Howes muss das Werksteam nun auch Brabecs Erfahrung, Tempo und Bedeutung für den US-Markt ersetzen.
Die Dakar 2027 als letzter Angriff
Brabec machte seine Entscheidung bereits im Mai 2026 öffentlich. Nach der Dakar habe er beschlossen, noch ein letztes Jahr mit Monster Energy Honda HRC anzuhängen und sich vollständig auf die Ausgabe 2027 zu konzentrieren. Die offizielle W2RC-Veröffentlichung gibt seine Aussage eindeutig wieder: Es werde sein letztes Jahr auf dem Motorrad, und für die Dakar 2027 wolle er noch einmal den bestmöglichen Angriff starten.
Das bedeutet zugleich, dass seine angekündigte Abschiedssaison bereits läuft. Auch die Rallye du Maroc 2026 wird deshalb als seine letzte Teilnahme in Marokko auf zwei Rädern geführt. Ob die Dakar tatsächlich sein endgültiges Motorradrennen bleibt, hängt natürlich davon ab, ob der geplante Ablauf ohne Verletzung oder Programmänderung umgesetzt werden kann. Die Ankündigung selbst ist jedoch bestätigt.
Vom kalifornischen Wüstenrennsport zur Weltspitze
Brabecs Karriere begann weit entfernt von den großen Rally-Raid-Biwaks. Geboren am 21. April 1991 in Kalifornien, kam er über BMX und den amerikanischen Wüstenrennsport zum Motorrad. Die langen, schnellen und rauen Rennen im Südwesten der USA formten einen Fahrstil, der später perfekt zur Dakar passen sollte: hohes Grundtempo, Ruhe in offenem Gelände und die Fähigkeit, auch über viele Stunden konzentriert zu bleiben.
Sein Durchbruch in den USA kam 2014. In dieser Saison gewann er laut Honda Racing die Meisterschaften Hare & Hound, Best in the Desert und SCORE sowie unter anderem die Baja 1000, Baja 500 und Baja 250. Damit war Brabec nicht mehr nur ein starkes Talent aus der amerikanischen Wüste, sondern ein Kandidat für die internationale Rally-Raid-Szene.
Honda erkennt das Potenzial
Honda holte Brabec 2015 zur Abu Dhabi Desert Challenge. Bei seinem ersten internationalen Rally-Raid-Auftritt wurde er bester Junior und Fünfter der Gesamtwertung. Schon ein Jahr später startete er im Alter von 24 Jahren erstmals bei der Dakar und erreichte als Neuling den neunten Gesamtrang – ein Ergebnis, das seinen schnellen Aufstieg bestätigte.
2017 folgte der erste Dakar-Etappensieg. Die folgenden Jahre zeigten jedoch auch die Härte dieser Rallye: Brabec musste mehrfach aufgeben, obwohl sein Tempo längst für die Spitze reichte. Besonders bitter verlief 2019, als ihn ein technischer Defekt auf dem Weg zu einem möglichen Gesamterfolg stoppte. Aus den Rückschlägen entstand jene kontrollierte Fahrweise, die später zu seinem Markenzeichen wurde.

2020 schreibt Brabec amerikanische Motorsportgeschichte
Bei der Dakar 2020 gelang der Durchbruch. Brabec gewann die Motorradwertung und wurde damit zum ersten US-Amerikaner, der die Dakar überhaupt für sich entscheiden konnte. Gleichzeitig beendete er Hondas lange Durststrecke in der Motorradklasse. Der Sieg machte ihn in den USA zu einer Rally-Raid-Ikone und gab Honda wieder die Rolle eines Dakar-Siegerteams.
Der Erfolg war kein einzelner Ausreißer. 2021 wurde Brabec Zweiter und gewann vier Etappen. 2022 folgte Rang sieben, 2023 musste er nach einem Sturz aufgeben. Doch statt den Anschluss zu verlieren, kehrte er 2024 stärker zurück.
Der zweite Dakar-Sieg als reife Meisterleistung
2024 holte Brabec seinen zweiten Dakar-Gesamtsieg. Er übernahm früh die Kontrolle, führte ab der sechsten Etappe und gewann am Ende mit 10 Minuten und 53 Sekunden Vorsprung vor Ross Branch. Es war ein anderer Sieg als 2020: weniger der Durchbruch eines Ausnahmetalents, mehr die taktisch kontrollierte Leistung eines erfahrenen Rally-Raid-Piloten.
Im selben Jahr gewann er außerdem die Desafío Ruta 40. Die Saison bestätigte, dass Brabec nicht nur auf bestimmten Dakar-Tagen schnell sein konnte, sondern Navigation, Strategie und Materialschonung über eine komplette Rallye beherrschte. Selbst eine Verletzung vor der Dakar 2025 hielt ihn nicht aus den Top Fünf; später folgten weitere Podestplätze in Abu Dhabi, Südafrika und Marokko.
Zwei Sekunden, die den letzten Anlauf prägen
Die Dakar 2026 lieferte den vielleicht dramatischsten Moment seiner Laufbahn. Brabec lag auf Kurs zu seinem dritten Gesamtsieg, als ihm sieben Kilometer vor dem Ende ein Navigationsfehler unterlief. Luciano Benavides gewann schließlich mit nur zwei Sekunden Vorsprung – laut Dakar-Organisation die knappste Entscheidung in der Geschichte der Rallye.
Diese Niederlage gibt dem angekündigten Abschied 2027 eine besondere Spannung. Brabec fährt nicht nur gegen die nächste Generation und die stärksten Werksteams, sondern auch gegen die Erinnerung an jene zwei Sekunden. Ein dritter Sieg würde ihn endgültig neben die ganz großen Mehrfachsieger der Motorradklasse stellen. Doch selbst ohne dieses letzte Kapitel ist seine Bedeutung bereits gesichert.
Wie Honda seine RallyGP-Mannschaft nach Brabec neu aufstellt
Eine fertige Honda-Aufstellung für die Zeit nach der Dakar 2027 ist noch nicht veröffentlicht. Die Ausgangslage lässt sich dennoch klar erkennen: Skyler Howes und Honda trennten sich bereits Ende Juni 2026, Brabecs Vertrag und Motorradkarriere sollen mit der Dakar 2027 enden. Damit würde von der früheren RallyGP-Besetzung zunächst ein Kern aus Tosha Schareina und Adrien Van Beveren bleiben.
Schareina dürfte sportlich noch stärker in die Rolle des ersten Siegkandidaten rücken. Der Spanier besitzt das Tempo für Etappensiege und Gesamterfolge und gehört zur jüngeren Generation, um die Honda den nächsten Dakar-Zyklus aufbauen kann. Van Beveren hat 2026 einen neuen Zweijahresvertrag bestätigt und liefert das notwendige Gegengewicht: viel Dakar-Erfahrung, starke Navigation und die Fähigkeit, in einer langen Rallye um das Podium zu fahren. Honda hätte damit weiterhin Geschwindigkeit und Routine im RallyGP-Kader, aber noch keinen direkten Ersatz für Brabecs besondere Stärke auf schnellen Wüstenetappen.

Der Nachfolger soll aus Hondas Rally2-Team kommen
Die wichtigste strategische Aussage stammt von Teammanager Ruben Faria. Honda wolle Fahrer künftig aus dem eigenen Rally2-Team in die RallyGP-Mannschaft befördern, statt etablierte Spitzenfahrer von anderen Herstellern abzuwerben. Das 2026 aufgebaute Rally2-Programm ist damit nicht nur ein Kundensportprojekt, sondern die Nachwuchsabteilung des Werksteams und zugleich Hondas Antwort auf den bevorstehenden Generationswechsel.
Sportlich spricht derzeit viel für Martim Ventura. Der Portugiese erreichte bereits bei seinem Dakar-Debüt 2026 das Rally2-Podium, gewann anschließend die Desafío Ruta 40 in seiner Klasse und sammelte weitere Siege und Podestplätze. Er wirkt von den Nachwuchsfahrern momentan am weitesten entwickelt und wäre deshalb der logischste Kandidat für einen frühen RallyGP-Aufstieg.
Preston Campbell besitzt ebenfalls eine starke Ausgangsposition. Der Amerikaner führte die Rally2-Wertung der Dakar 2026 über mehrere Tage und beendete sein Debüt auf dem Podium. Seine Herkunft aus dem amerikanischen Desert Racing macht ihn zusätzlich interessant: Er könnte sportlich und vermarktungsseitig einen Teil jener Rolle übernehmen, die Brabec bei Honda geprägt hat. Campbell verfügt jedoch über weniger internationale Rally-Raid-Erfahrung als Ventura, weshalb Honda ihn auch noch eine weitere Saison in Rally2 entwickeln könnte.
Bruno Crivilin ist die dritte interne Option. Der erfahrene Endurofahrer kam 2026 in das Rally2-Programm, gewann in Argentinien bereits eine W2RC-Etappe und ist wegen seiner Verbindung zu Honda Brasil auch für einen wichtigen Markt interessant. Für einen unmittelbaren RallyGP-Stammplatz nach der Dakar 2027 erscheint er derzeit weniger weit entwickelt als Ventura oder Campbell, erweitert aber Hondas Auswahl und macht das Nachwuchsprogramm unabhängiger von externen Transfers.
Das wahrscheinlichste Honda-Szenario
Aus den bestätigten Personalentscheidungen und Hondas eigener Nachwuchsstrategie ergibt sich als wahrscheinlichstes Modell ein RallyGP-Kern mit Schareina und Van Beveren, ergänzt durch mindestens einen Aufsteiger aus Rally2. Ventura besitzt aktuell die stärkste sportliche Position, während Campbell als amerikanischer Nachfolger Brabecs eine besonders schlüssige langfristige Geschichte bietet. Möglich wäre deshalb auch eine gestaffelte Lösung: Ventura steigt zuerst in RallyGP auf, Campbell sammelt weiter Erfahrung und wird gezielt auf einen späteren Wechsel vorbereitet.
Offen bleibt, ob Honda dauerhaft drei RallyGP-Motorräder einsetzt oder wieder auf vier Maschinen erweitert. Ein sofortiger externer Startransfer erscheint nach Farias Aussage weniger wahrscheinlich, wäre bei Verletzungen oder einem unerwarteten Leistungsloch aber nicht ausgeschlossen. Sicher ist vorerst nur die Richtung: Honda will die Ära nach Brabec nicht mit einem einzelnen großen Namen absichern, sondern mit Schareina als sportlichem Fixpunkt, Van Beveren als erfahrenem Dakar-Piloten und einer eigenen Pipeline aus der Rally2-Klasse.
Was von Ricky Brabec bleibt
Brabec hat die Verbindung zwischen dem amerikanischen Desert Racing und dem internationalen Rally-Raid-Sport neu belebt. Er zeigte, dass ein Fahrer aus der Baja- und Hare-&-Hound-Schule Navigation, Taktik und Ausdauer auf Dakar-Niveau meistern kann. Zwei Dakar-Siege, ein weiterer zweiter Rang, zahlreiche Etappenerfolge und seine Rolle beim Wiederaufstieg von Honda prägen seine Bilanz.
Sein Abschied vom Motorrad muss dabei nicht das Ende seiner Rennkarriere bedeuten. Brabec hat einen möglichen Wechsel ins Auto ins Spiel gebracht und ausdrücklich auf die noch offene Frage verwiesen, wann ein Amerikaner die Dakar im Auto gewinnen wird. Ein konkretes Programm gibt es bislang nicht. Zunächst bleibt die Dakar 2027: ein letzter Start auf zwei Rädern, ein letzter Angriff für Honda und zugleich die Übergabe an eine Mannschaft, die sich strategisch bereits auf die Zeit nach ihrer amerikanischen Leitfigur vorbereitet.

